Das Projekt volksbild

2007 – 2012

Das Archiv volksbild, gegründet 2007, war eine Sammelstelle nicht professioneller Privatfotografien unbekannter Provenienz. Die privat aufgenommenen Dias und Fotografien im volksbild Archiv stammten aus verschiedenen Dekaden und unterschiedlicher geografischer Herkunft. Das Archiv visualisierte eine Geschichte des Blicks, des sozialen Fotos und spiegelte damit einen Teil des kollektiven Bild-Gedächtnisses wider. Alle gefundenen Bilder wurden digitalisiert und unter verschiedensten Gesichtspunkten sortiert, komponiert und kuratiert. Das künstlerische Archiv mit Amateurfotografien, das nur via Internet einzusehen und zugänglich war, brachte die Bilder aus privaten Zusammenhängen in einen anderen – bildanalytischen – Kontext, der sowohl eine wissenschaftliche Funktion erfüllte als auch Basis der eigenen künstlerischen Arbeit darstellte. volksbild bot ebenso einen Bilder-Pool, der von KünstlerInnen und Interessierten für eigene und gemeinsame Projekte und (interdisziplinäres) Arbeiten genutzt werden konnte. Zahlreiche Projekte, die auf dieser Webseite auszugsweise vorgestellt wurden, entstanden hieraus. Die Webseite musste 2012 aus technischen Gründen vom Netz genommen werden.

volksbild waybackmachine

Iconic Turn

Notizen zu volksbild

„Pictorial Turn“ (WJT Mitchell), „Iconic Turn“ (Gottfried Boehm) und „Visualistic Turn“ (Klaussachs-Hombach) sind die Schlagwörter, mit denen Bildtheoretiker unsere Gegenwart beschreiben. Diese Schlagwörter meinen mehreres: Einerseits sind sie als mediale Lagebeschreibung gedacht, als Appell, endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass es eine wachsende Ubiquität der Bilder im Alltag der Menschen – sowohl hinsichtlich des Umgang mit den Erzeugnissen der Massenmedien als auch zunehmend mit Bilderzeugnissen aus der eigenen Bildproduktion im Privatbereich. Der verbreitete Redetopos „Bilderflut“ ist ein markanter Ausdruck dieser Zeitdiagnose. Es handelt sich dabei um eine Entwicklung, die im Laufe des 20. Jahrhunderts mit der massenhaften Verbreitung von Fotografie (und Film) einsetzt, und die sich mit der Erfindung der Digitalfotografie (und dem Digitalfilm), dem Computer und dem multimediafähigen Handy zu potenzieren scheint. Doch die Rede vom „pictorial“, „iconic“ oder „visualistic turn“ ist nicht nur als Lagebeschreibung einer sich medialisierenden Welt zu verstehen, sondern zugleich auch als Aufforderung, sich stärker theoretisch reflektierend mit Bildern in ihren verschiedenen – ästhetischen, emotiven, kognitiven, kommunikativen, aber auch z. B. identitätsstiftenden – Dimensionen und in ihren kulturellen Gebrauchszusammenhängen auseinanderzusetzen. Bilder – so die These der Bildtheoretiker – müssen eine ähnliche theoretische Reflexion erfahren wie Sprache. Analog zur seit langem etablierten Sprachwissenschaft beginnt sich entsprechend in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine Bildwissenschaft zu entwickeln, die die materialen Besonderheiten von Bildern ebenso untersucht, wie die kognitiven anthropologischen Grundlagen der Bildfähigkeit des Menschen und die verschiedenen „Bildspiele“, die sich in menschlichen Gemeinschaften etabliert haben und die sich zugleich in beständiger Transformation befinden.
Die Fotografie nimmt im Prozess der zunehmenden „Bildwerdung“ des Menschen einen zentralen Platz ein: Denn mit der Fotografie ist dem Menschen ein Mittel in die Hand gegeben, das den Bildgebrauch „demokratisiert“. Man muss nicht mehr über zeichnerische/malerische Kompetenzen verfügen, um privat Bilder zu machen. Immer mehr Menschen erlangen im Laufe des letzten Jahrhunderts die Möglichkeit, selbst Bilder zu produzieren und diese u.a. als Ausdruck persönlicher Identität im Freundes- und Bekanntenkreis zu präsentieren. Doch bis zur Erfindung des Internet und der Digitalfotografie bleiben Privatfotografien (ob als Papier-Foto oder Diapositiv) zunächst und zumeist nur an die Kommunikationssituation der Privatsphäre gebunden. Erst mit den neuen Publizitätsformen des Internet (Facebook etc.) werden Privatfotos mehr und mehr auch zu öffentlichen bzw. teilöffentlichen Gegenständen. Sie gewinnen dadurch vermutlich eine neue Dimension und werden entsprechend auch auf neue Weise zur persönlichen Identitätsausprägung und -darstellung genutzt. Dies trifft insbesondere auf Bilder von sich selbst zu, aber besonders auch auf Fotos der häuslichen Privatsphäre, die über die Fotografie öffentlich zugänglich gemacht wird.
Dr. Rainer Totzke

Eine Auswahl an Arbeiten und Projekten