mnemosyne

2010, Rauminstallation, Zwei Wandtapten je 200 x 300 cm, Diapräsention mit eingesprochenem Text
Positionen der Gegenwart, Kunstraum Kreuzberg Bethanien, Berlin

Susanne Wehr begibt sich in zivilisationsferne Räume und erkundet den Wald als Ort der Erinnerung. Mnemosyne betitelt sie daher die Zusammenstellung verschiedener Waldmotive aus ihrer umfangreichen Sammlung anonymer Privatfotografien (volksbild).

Der Titel bezieht sich auf eine späte Hymne von Friedrich Hölderlin, die als Wandtext zu lesen ist und zudem als gesprochener Text der gezeigten Diashow zu hören ist. Das ambivalente Verhältnis des Menschen zum Wald als ein ihm fremdes Territorium kommt vielfach zum Ausdruck. In Märchen, Mythen und Geschichten lauten die Attribute des Waldes etwa tief, dunkel, wild, finster, geheimnisvoll, verzaubert oder gefährlich. Doch liefern Wälder dem Menschen auch Nahrung, Sauerstoff, Nutzholz oder manchmal Ausgestoßenen oder Vertriebenen Schutz. Heutzutage sucht der Mensch den Wald weniger aus Abenteuerlust als vielmehr zum Zwecke der Erholung auf. Da das Waldesland nicht (mehr) sein angestammtes Revier ist, tritt der heutige Mensch darin als Eindringling auf.

Susanne Wehr spürt diesen Aufbrüchen ins Fremde/Vertraute nach, die Spuren des Eindringens in unvertrautes Territorium sind in den Aufnahmen ablesbar: Man sieht ein Farngewächs, Maiglöckchen, Bäume an einer nebligen Lichtung, eine Schlange am Waldboden, einen Hirsch hinter Maschendrahtzaun, reitende Jäger oder Wanderer bei der Rast. Während die reinen Naturaufnahmen stets geläufig erscheinen, wirken vor allem die Fotos mit Personen sehr befremdlich, so als störten die Menschen mit ihrer zeitbezogenen Präsenz die zeit- und geschichtslose freie Natur. Demnach ist Erinnerung kein rein fiktionales Revier, sondern ein Raum gespeicherter Erlebnisse und Erfahrungen, den wir mental „betreten und wieder verlassen“ können.

Manuela Lintl

Diapräsentation/Film auf Monitor, Text von Friedrich Hölderlin “ Heimat und niemand weiß“ Sprecherin Luzia Schelling

2010, Installation Wandtapete ca. 300 x 200 cm, Kunstraum Kreuzberg Bethanien