hashtaglove

Hashtaglove – Fragmente, Konstellationen, Dispositive

In ihren Kunstprojekten erforscht Susanne Wehr visuelle Diskurse der privaten Fotografie. Dabei hat sie die sozialen Bildpraktiken der Vergangenheit – etwa in ihren Arbeiten zur privaten Fotografie volksbild 2007–2012 und personal views 2010/11 – ebenso im Blick wie die der Gegenwart.

Ihre aktuelle Arbeit Hashtaglove (2022) zieht analytische Verbindungslinien und stellt zugleich – indem sie ein vertiefteres Verständnis für aktuelle Bildpraktiken im Netz und in den sozialen Medien ermöglicht – einen markanten Unterschied zu ihren bereits realisierten Projekten dar. Dabei wendet sich das Projekt Hashtaglove konkret dem Diskurs zu, der sich um den aktuell weltweit am meisten genutzten Instagram-Hashtag etabliert hat: #love (mit aktuell 2,1 Milliarden getaggten Fotos).

Gegenstand ihrer künstlerischen Forschung sind also diejenigen Fotos und Bewegtbilder, die Menschen weltweit Tag für Tag unter dem Hashtag „#love“ auf der Plattform Instagram posten. Aus diesen Posts wählt Susanne Wehr dann einzelne Bilder aus und stellt diese auf der Website hashtaglove.art zu kuratierten „Bildräumen“ zusammen. Diese Bildräume dienen in der Folge als Pool für eine weiterführende ‚Verarbeitung‘ des Materials zu Filmen, deren Sound die Kommentare und Bildunterschriften der jeweiligen Posts sind. Im finalen Schritt ihrer Projektarbeit wird die Künstlerin dann mit diesen Filmen einen realen Ausstellungsraum bespielen und so für die Besuchenden den permanenten globalen Bilderstrom von Instagram durch die Möglichkeit eines immersiven Eintauchens unmittelbar körperlich erfahrbar machen.

Die Auswahl der Fotos für die Bildräume erfolgt dabei zum einen nach bildästhetischen Gesichtspunkten, zum anderen wird sie von zwei zentralen Forschungs- bzw. Fragehorizonten der Künstlerin inhaltlich gesteuert:

„Social photos“?
Mit ihrer Bilderauswahl und den Bildkompositionen für die einzelnen „Bildräume“ fragt Susanne Wehr nach den Gebrauchs- und Wirkungsweisen von „sozialen Fotos“, also von denjenigen Fotos, die in Kontexten von Social Media von den UserInnen aufgenommen und veröffentlicht werden. Diese Fotos und die mit ihnen verbundenen Bildpraktiken können nicht (allein) vor dem Hintergrund der herkömmlichen, meist kunstwissenschaftlich orientierten Theorien der Fotografie verstanden werden. Vielmehr geht es auch um eine medientheoretische Perspektive: Fotos, auch und gerade Amateurfotos, hatten im Vor-Social-Media-Zeitalter oft die primäre Funktion des Festhaltens von Erinnerungen, auf die man dann später zurückgreifen konnte. Im Kontext von Social Media wird diese Funktion jedoch nach und nach zurückgedrängt und durch eine andere Funktion überlagert und ersetzt: „Soziale Fotos“ bilden heute ein „Interface für visuelle Kommunikation“ (Edgar Gómez Cruz). – Instagram-Nutzer erzeugen also, indem sie in Echtzeit Fotos aus ihrem aktuellen Erleben posten, einen permanenten Bilderstrom, eine Art ‚Bilderrauschen‘. Während das einzelne Bild die kommunikative Funktion erfüllt, in Form einer visuellen Mitteilung eine Erfahrung im Hier und Jetzt kundzutun, wird der Betrachtende zum unmittelbaren Teil dieser Erfahrungen. Der Medienwissenschaftler Nathan Jurgenson beschreibt es so: “As part of a stream, the (social) photo (…) often succeeds as part of an ongoing communication of who you are, what you are experiencing, the simple fact that you exist and are alive doing things.” –

In Hinblick auf diese Funktionsverschiebung „sozialer Fotos“ müssen auch bestimmte Fragen, die in der Debatte um das Verhältnis zwischen professioneller und Amateurfotografie eine Rolle spielen, aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. So etwa die Frage nach der technischen und formalen Qualität eines Fotos: Die oftmals geringere Qualität eines sozialen Fotos kann für die kommunikative Funktion in Medien wie Instagram sogar von Vorteil sein, indem es „die bessere Geschichte erzählt“ (Nathan Jurgensen).

Die unterschiedlichen „Bildräume“, die Susanne Wehr im Rahmen von Hashtaglove kreiert, ermöglichen es ihr und den Betrachtenden in einer Suchbewegung dem ambivalenten Gebrauch von sozialen Fotos auf die Spur zu kommen und dabei auch die Zwänge und Dispositive zu reflektieren, die mit dem Gebrauch des Mediums Instagram verbunden sind bzw. sein können: Man denke an die internalisierten Zwänge zur permanenten Aufmerksamkeitsgenerierung und Selbstvermarktung sowie an die („toxische“) Reproduktion von Geschlechterstereotypen und fragwürdigen Schönheitsidealen.

„Liebe“ als visueller Diskurs?
Susanne Wehrs Arbeit Hashtaglove zielt thematisch noch in eine zweite Richtung: Sie fragt auch nach den kulturellen ‚Pattern‘ des „Liebes“-Diskurses unserer Gegenwart und der Praktiken und Dispositive, die sich darum herum etabliert haben. Das, was bei Instagram unter „#love“ erscheint, bietet ein interessantes materiales Feld, um den Diskurs um „Liebe“ in den gegenwärtigen Gesellschaften und der Öffentlichkeit auf visueller Ebene beobachten und erforschen zu können.

Hier vermögen soziologische Perspektiven den Blick zu schärfen: Niklas Luhmann beschrieb schon 1982 in Liebe als Passion Liebe bekanntlich nicht als Gefühl, sondern als einen „Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen und leugnen (…) kann.“ In der Gegenwart untersucht die israelische Soziologin Eva Illouz in ihren Büchern wie der Konsum der Romantik (2003) oder Warum Liebe endet (2018), wie sehr die Nöte unseres Gefühlslebens durch institutionelle Ordnungen sowie die sozialen und kulturellen Widersprüche geprägt sind, die sich u. a. mit dem Konzept der „romantischen Liebe“ und den Formen der kapitalistischen Vergesellschaftung in der Gegenwart verbinden.

Durch eine konstellative Zusammenstellung und Verarbeitung von paradigmatischen Fotos von „#love“ bei Instagram versucht das Projekt Hashtaglove auf experimentelle Weise gesellschaftliche Imperative, aber auch die Ambivalenzen und Brüche des sozialen „Liebes“-Diskurses sichtbar und reflektierbar zu machen.

Dabei lässt sich die Intention der Künstlerin auch als eine transformative Fortführung eines Forschungsanliegens von Roland Barthes deuten: Mit Fragmente einer Sprache der Liebe (1977) wollte Barthes bekanntlich gerade keine abstrakte und metasprachlich distanzierte Theorie über die Liebe und deren sprachliche Äußerungen anbieten. In dem Buch ließ er vielmehr das „Subjekt“ der Liebe – den konkret Liebenden – jeweils selber zu Wort kommen – und zwar in dessen eigener, von der Liebe unmittelbar persönlich betroffener Sprache. Das Buch verweigert sich daher einer systematischen Erklärung, sondern fordert die Rezipierenden heraus, eigene Assoziationen zu bilden, Brücken zum eigenen Leben und zum eigenen Sprach- bzw. Zeichengebrauch in Sachen „Liebe“ zu schlagen.

In einer gewissen Analogizität zu Roland Barthesʼ Vorgehen könnte man Hashtaglove auch als einen Versuch beschreiben, den „visuellen Diskurs“ um „die Liebe“ ebenfalls nicht (allein) aus der Distanz heraus, sondern ‚von innen her‘ zu erforschen: Markant erscheinende gepostete Bilder/Fotos werden von der Künstlerin Susanne Wehr als ‚Fragmente einer Bildsprache der Liebe‘ in kuratierten Bildräumen versammelt und verortet. Hier entwickeln diese eine eigene, vom Stream der sozialen Medien losgelöste Bildsprache und eröffnen den Betrachtenden neue Zugänge zum Bilder- wie zum Liebesdiskurs in Zeiten von Social Media.

Dr. Rainer Totzke