if love

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IF LOVE IS A RED DRESS

Der Fotoapparat gehört – neben der Videokamera – nach wie vor zur Standardausrüstung in den Haushalten der Industrieländer. Menschen haben das Bedürfnis, sich ihrer Selbst zu vergewissern und auch wichtige, einzigartige oder einfach nur schöne Momente festzuhalten. Insofern kann die private Fotografie verstanden werden als permanenter Versuch der Aneignung von Orten, Personen und Vergangenheit, wobei dieRealität nicht gänzlich ungeschönt abgebildet, sondern möglichst idealisierend wiedergegeben werden soll. Bevor wir den Auslöser drücken, bemühen wir uns deshalb, einen besonders ausdrucksstarken, interessanten und harmonischen Ausschnitt zu wählen, Personen bestimmte Posen einnehmen zu lassen bis hin zur inszenierten Mimik (das obligatorische Lächeln) oder die Beleuchtung optimal auszurichten (kein Gegenlicht).

Denn erst seit Beginn des digitalen Zeitalters der Fotografie kann beliebig nachträglich verschönert werden. Der Zusammenhang zwischen (analoger) Fotografie und Erinnerung ist demnach ein zentraler Aspekt der Amateurfotografie. Paolo Bianci unterscheidet in seinem Aufsatz »Ästhetik der Fotografie« gemäß verschiedener Wahrnehmungsformen von Fotografen und Fotografien insgesamt sechs Bildtypen des Mediums, darunter die »Fotografie des Erinnerns«. Einleitend schreibt Bianchi: »In der Hand der Massen unserer Tage wird sie [die Fotografie] zum Spiegel ihrer eigenen Wirklichkeiten. Und zu einer Möglichkeit, die eigene Welt selbstmächtig im Bild zu fassen und zu gestalten.«1 Susan Sontag formuliert in ihrem Buch »Über Fotografie« treffend: »Die Fotografie ist eine elegische Kunst… Jede Fotografie ist eine Art ›memento mori‹.

Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit.«2 Dies gilt besonders für die verschiedenen Arten von Portraitfotografien, also Körperbildern im weitesten Sinne.

Susanne Wehr konzentriert sich in der vorliegenden Auswahl aus ihrer Sammlung anonymer Privatfotografien 3 auf Aktdarstellungen weiblicher Körper, einige akzentuierend ausgestattet mit verführerischen Accessoires. Sie verwendet dabei aus dem umfangreichen Fundus oft nur Details oder Körperausschnitte. Die so komponierten Bilder sind wiederum in Kontext zu Musikstücken gesetzt, die für die Künstlerin persönlich von Bedeutung sind. So auch die titelgebende Country-Soul-Ballade »If Love Is a Red Dress (Hang Me in Rags)« der amerikanischen Sängerin und Songwriterin Maria Mc Kee (Soundtrack aus Quentin Tarantinos Film »Pulp Fiction«4 ).

Ein Hinweis darauf, dass es der Künstlerin nicht um die rein erotische Komponente nackter Körper geht, sondern um Gefühle wie Liebe, Begehren, Sehnsucht, Sensibilität, Verlust, ja ganz allgemein um Emotionen und die Verletzlichkeit des Menschen, die in der Nacktheit der Körper besonders zum Ausdruck kommen.5 Der Begriff »Intimität« bekommt vor diesem Hintergrund ebenfalls eine doppelte Bedeutung, zum einen im Hinblick auf das Bildsujet, zum anderen im Hinblick auf die persönliche Erinnerungsarbeit Susanne Wehrs, die sich im sensiblen Umgang mit dem vorgefundenem Fotomaterial manifestiert.

Die Ausschnitthaftigkeit und Fragmentierung nimmt den persönlichen Erinnerungsbildern anonymer Herkunft und Autorenschaft ihre Individualität. Selbst das gut erkennbare Gesicht einer jungen Frau mit asiatischen Zügen und auffällig rot geschminkten Lippen wirkt in seiner leichten Unschärfe maskenhaft. Das weichgezeichnete Antlitz verströmt einen Hauch von Erotik, wobei die Sinnlichkeit der Frau untermalt scheint von Traurigkeit oder Sehnsucht: das Antlitz wird so zu einer stilisierten Ikone und bleibt für den Betrachter
unnahbar. Sicherlich ist es dem weiblichen Blick der Künstlerin geschuldet, dass keiner der nackten Frauenkörper einen unterwürfigen Objektstatus einnimmt oder ausdrückt (im Sinne weiblicher Verfügbarkeit in kommerziellen pornografischen Bildern, die den patriarchalen männlichen Blick bedient). Susanne Wehr verwendet die Körper (-Ausschnitte) in erster Linie als Stimmungsträger, und ihre Choreographie der Körper wird zur Hommage an den Dualismus von »Sense and Sensibility«: Fast lässt sie unsglauben, Gefühl und Verstand seinen miteinander zu vereinen.

1 Paolo Bianchi, Ästhetik der Fotografie, Typologie von sechs Wahrnehmungsformen von Fotografen und Fotografien, in: Kunstforum International, Bd. 192, Juli-August 2008,
S. 121 ff. Die sechs Kategorien sind: Fotografie der Imagination, der Emotion, der Erinnerung, der Assoziation, der Sensation und der Reflexion.

2 Susan Sontag, Über Fotografie, München/Wien: Hanser 1980 und Frankfurt am Main, 2006, S. 21

3 Es handelt sich sowohl um eine Kollektion privater Amateurfotografien
als auch um das Internetprojekt www.volks-bild.com

4 »Mit lakonischem Humor zeigt die brillante schwarze Komödie eine Gesellschaft, die von Brutalität, Dummheit, moralischer Indifferenz und grotesken Zufällen beherrscht wird. Bekannte Muster der Trivialkultur und des amerikanischen B-Pictures werden auf intelligente Weise variiert und konterkariert. Dabei schreckt der Film auch nicht vor exzessiven, wenn auch satirisch überspitzten Gewaltszenen zurück, die teilweise nur schwer verdaulich sind.« Aus: Lexikon des internationalen Films, (CD-ROM-Ausgabe),
Systhema, München 1997 5 Vgl. dazu Philip J. Sampson, Die Repräsentation des Körpers«, in: Kunstforum International, Bd. 132, Nov. 1995 – Jan. 1996, S. 94 – 111.